Der folgende Brief von Dr. Gerhard Sprintschnik an Max Lercher (Landeschef der Sozialistischen Jugend) bezieht sich auf folgendes Interview in der Kleinen Zeitung: "Weg mit Sozialismus im Nadelstreif"

Sehr geehrter Herr Lercher,

Erlauben Sie mir bitte, dass ich mich zuerst vorstelle und dann zu bestimmten Punkten Ihres Interviews in der Kleinen Zeitung Stellung nehme. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich dafür eine halbe Stunde Zeit nehmen. Auch ich habe in meiner Jugend mit Politik angefangen, und zwar beim VSM. Danach habe ich für die Neue Zeit gearbeitet (an diese Zeitung können Sie sich nicht erinnern). Ich habe aber dann meine weitere Berufslaufbahn mit Nadelstreifen beschritten (um bei Ihrer Terminologie zu bleiben). Ich habe im „Ruhrpott“, im Rhein-Main-Gebiet, in Seoul, New York, Atlanta und zuletzt China gelebt und gearbeitet. Meine Nachbarn wundern sich immer noch, dass ich Globetrotter mich ausgerechnet im Bezirk Murau zur Ruhe gesetzt habe. Glauben Sie mir, ich weiß was Umweltverschmutzung, Stress und Lärm bedeuten. Aber offenbar ist es mein Schicksal, dass diese Dinge mich hier wieder einholen.

Aber bevor ich mit Ihnen argumentiere, möchte ich Ihnen erst einmal zustimmen. Ich finde es toll, dass sich die Jugend politisch engagiert. Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Die Jugend, und das wissen Sie, läuft in Scharen den etablierten Parteien davon und sucht kritisch nach Alternativen. Es ist nun leider so, dass die beiden etablierten Parteien ständig verlieren, und jedes desaströse Wahlergebnis als Sieg ummünzen, nur weil der andere noch mehr verloren hat. So freue ich mich diebisch, dass diese großkopferten Parteien bei jeder Wahl eines drauf kriegen und heute zusammen so viele Stimmen haben wie früher eine der Parteien alleine. Bald werden sie jubeln, wenn sie nicht unter die 20%-Grenze schrumpfen.

Das Gute ist, dass es mit jedem Tag mehr junge NICHT-SPÖ-ÖVP-Wähler gibt und dass es jeden Tag (aus biologischen Gründen) weniger „alte“ und alteingesessene SPÖ-ÖVP-Wähler gibt. Abber von den etablierten Parteien will dies niemand als Problem sehen. Jugend? Brauch man et.

Nun zum zweiten Punkt: „die Straße“. Seit Bekanntwerden dieses Projekts vor gut einem Jahr habe ich mich sehr engagiert, um dieses wahnwitzige Projekt zu Fall zu bringen. Gott sei Dank haben sich spontan so viele Bürgerinitiativen gebildet.

Nochmals muss ich bei Ihnen einhaken: dass bevorzugt Anwohner der geplanten Trasse dagegen sind, ist zutiefst menschlich. Kein Mensch würde in Krakauebene demonstrieren, weil durch Neumarkt eine Transitautobahn gebaut wird. So sind die Menschen halt. Bitte kontern Sie nicht mit verharmlosenden Bezeichnungen für dieses Straßenmonster. Wenn in nicht allzuferner Zukunft die Autobahn von Scheifling nach Tamsweg gebaut wird, wird mich als St. Mareiner das herzlich wenig jucken.

Als angehender Politiker sollten Sie zumindest so tun, als ob Sie dem Volk aufs Maul schauen würden, und zuhören. Auch wenn Sie unter den älteren Semestern keine Vorbilder erkennen können. Aber Sie sollten wissen, dass die Bürgerinitiativen in wenigen Wochen nach Bekanntwerden des Projekts über 20.000 Unterschriften gesammelt haben und dass es heute schon 9 Gemeinden gibt, in denen per Gemeinderatsbeschluß man auf Distanz zur Straße geht. Die Ablehnungsraten in den Gemeinden liegen bei 80-90%.

Und die Kronenzeitung, zur Zeit eine Art rote Parteizeitung, stellte in ihrer On-line-Umfrage fest, dass 90% ihrer Leser finden, dass es im Bezirk Murau schon zu viel Beton gibt. Wo bitte ist die schweigende Mehrheit für die Straße, die so oft von Politikern zitiert wird? Glauben Sie, dass nur die Bewohner entlang der geplanten Trasse abgestimmt haben? Aber wo sind denn die Befürworter? 



Vielleicht wissen Sie auch, dass der Bezirk Murau (neben Liezen) der einzige steirische Bezirk OHNE Luftsanierungsgebiet ist. Aber das wollen Sie sicher ändern. Leider merkt man das Gute erst, wenn es nicht mehr da ist.

Als angehender Jungpolitiker müssen Sie, das verstehe ich, natürlich Parteilinie fahren, sonst werden Sie nie ein Altpolitiker. Ich habe vor kurzem an Frau Minister Bures ein Schreiben gerichtet, warum sie 8.1 Milliarden € ausgibt, um 13.500 Menschen für den Straßenbau zu beschätigen. Wenn die Straße fertig ist, und sie noch immer Ministerin ist, braucht sie wieder Milliarden, um nach Ostblockmanier die Bagger am Rollen zu halten. Das wirkt unheimlich „sozial“, so viel Geld für Arbeitsplätze auszugeben (immerhin 600.000 € pro Arbeitsplatz), aber, und jetzt frage ich Sie, ob man nicht preisgünstigere Arbeitsplätze schaffen könnte. Für das Geld kann man schon einen Minister beschäftigen. Aber ich glaube nicht, dass wir zusätzliche 13.500 Minister brauchen. Ich glaube, es gehört sich nicht, wenn man ein bisserl mehr für regionale Entwicklung erbetteln würde. Man kann nicht immer nur über die Strukturschwäche von Murau jammern, aber kein Geld reinstecken. So viel Geld für so wenige Leute, nur damit unsere Heimat zubetoniert wird!

Dabei ist Österreich im Vergleich zu Europa schon extrem „verautobahnt“. Wir haben die drittmeisten Autobahnkilometer pro Einwohner. Unser Nachbar Deutschland kommt mit gut der Hälfte der Autobahnkilometer aus. Und wirtschaftlich kann man Deutschland im Vergleich zu uns sicher nicht als Zwerg betrachten.
Autobahnkilometer pro 1,000.000 Einwohner

Dieser Brief ist nicht als Angriff auf Sie gemeint und er wird lang geraten, deshalb möchte ich ihn in Kapitel gliedern.

UMWELT UND GESUNDHEIT

Ich verstehe, dass die Frächter-Lobby auf ihrem Recht auf freien Warenaustausch besteht, schließlich leben sie davon. Ich frage mich aber allen Ernstes, ob wir Anrainer nicht auch ein Recht auf Gesundheit haben. Wenn ja, was wiegt schwerer: die Gesundheit oder der Profit? Wir sind auf einer Todesspirale: der Verkehr wächst achtmal so schnell wie die Wirtschaft (und jetzt wächst sie ja überhaupt nicht, und wer weiß für wie lange).

Ich habe in den letzten Monaten mit großem Interesse die Ergebnisse der Messstellen in verschiedenen Orten Österreichs studiert. Dass die Luft in den Ballungsgebieten schlecht ist, brauche ich niemandem weis zu machen. Da uns in der  Steiermark so etwas wie eine zweite Inntal-Autobahn blüht (wenn nicht schlimmer), interessieren mich die Messungen an dieser Autobahn. Es ist erschreckend, welch brutale Spuren eine Transitautobahn in einem Tal hinterlässt. Transit ist für mich Gewalt gegen Mensch und Natur. Das kleine Örtchen Vomp ist Rekordhalter, wenn es um Luftverschmutzung (z.B. Stickoxide) geht. Das Jahresmittel ist doppelt so hoch wie der Grenzwert, und es gibt keinen einzigen Tag, an dem die Werte unter dem Grenzwert liegen. Da niemand etwas dagegen tut (man kann nicht immer nur alles auf Brüssel schieben) frage ich mich, warum überhaupt gemessen wird. Auch wenn der Grenzwert um das 10fache überschritten wird, würde kein einziger Politiker aufschreien. Tal-Lagen sind nun mal besonders kritisch. Unter windarmen Bedingungen sammeln sich die Schadstoffe bis zu einer Höhe von 300m über der Talsohle. Bei Inversionswetterlagen geht dann gar nichts mehr. Das ist, wie wenn auf dem Tal ein Deckel drauf ist, und darunter werden fleißig weiter Abgase erzeugt.

Dabei kann niemand sagen, dass die negativen Auswirkungen auf die Gesundheit nicht bekannt sind. Tiroler Ärzte haben festgestellt, dass sich schwere Atemwegserkrankungen unter Kleinkindern in den letzten drei Jahren verdoppelt haben. Inntaler Kleinkinder, wohlgemerkt. Sie erinnern sich sicherlich, dass 1200 Ärzte in Tirol eine Resolution unterschrieben haben, die die Politik zum Handeln auffordert. Sie fordern Maßnahmen zur Eindämmung der Gesundheitsgefährdung, vor allem bei Kindern. Das wurde auch im Nationalrat behandelt, wie üblich ohne Konsequenzen.

Es ist bekannt, dass in Ballungsgebieten jeder 40ste an Lungenkrebs stirbt, in ländlichen Gegenden aber nur jeder 600ste. Mit der S37 werden die Verantwortlichen  in einem ländlichen Gebiet die Zunahme von Krebserkrankungen auf dem Gewissen haben.

Die University of Pittsburgh (USA) hat vor kurzem veröffentlicht, dass durch verkehrsbedingte Luftverschmutzung mehr Menschen sterben als durch Verkehrsunfälle. Damit beginnt das Dilemma. Bei einem Verkehrsunfall sieht man die Konsequenzen sofort, bei Luftverschmutzung dauert das Jahre und die unwissende Bevölkerung wiegt sich in Sicherheit.

Über den Feinstaub haben die Medien genügend berichtet, sodass ich über die Gefahren nicht ins Detail gehen will. Es ist bekannt, dass ein Dieselfahrzeug ohne Partikelfilter 10x so viel Stickoxid  und 1000x so viele Russpartikel wie ein Benziner ausstößt. 1996 hat die WHO festgestellt, dass die Abgase von Diesel in Österreich für 2400 Todesfälle verantwortlich sind. Dank einer völlig fehlgeleiteten Subventionspolitik der verantwortlichen Politiker hat sich seither die Anzahl der Dieselfahrzeuge in Österreich verdoppelt. Wir haben innerhalb der EU mit über 50% den höchsten Anteil an Dieselfahrzeugen (Transit nicht mitgerechnet), und wundern uns, warum unsere Klimapolitik scheitert. In der Schweiz ist dieser Anteil bei 5%. Fazit ist, dass dank Feinstaub sich die Lebenserwartung der Österreicher um ein Jahr reduziert hat. In einer allerneuesten Studie wurde bewiesen, dass Feinstaub auch zu Herzinfarkt führen kann.

Tunnels werden ebenfalls von Politikern als „Allheilmittel“ missbraucht. Selbst die Asfinag gibt zu, dass es weltweit keine funktionierende Filtertechnologie gibt, schon gar nicht für Stickoxide. Ob direkt oder indirekt, wir kommen auf alle Fälle in den Genuss der Schadstoffe.

Ein „geheimer Killer“ ist der Lärm. Ärzte wissen schon lange, dass Dauerlärm krank macht. Dabei ist die Schwerhörigkeit das kleinste aller Übel. Herz- und Kreislauferkrankungen nehmen stark zu. Außerdem wurde beobachtet, dass Menschen bei Dauerlärm aggressiver werden.

Politiker verweisen immer wieder auf Lärmschutzwände als Allheilmittel. Ich erlaube mir, einen Bericht des Bundesrechnungshofes zu zitieren, der in der Kleinen Zeitung in Graz veröffentlicht wurde.

„So hat die Asfinag zwischen 2000 und 2006 insgesamt 380 km Lärmschutzwände aufstellen lassen. Kostenpunkt 246 Millionen Euro. Welchen Nutzen diese Bauten haben, ob und wie weit damit die Lärmschutzziele erreicht worden sind, sei jedoch weder der Asfinag noch dem Verkehrsministerium bekannt“

Angesichts der prekären finanziellen Lage der Asfinag wird natürlich für Lärmschutz immer weniger ausgegeben. Für Wände (was auch immer sie wert sein mögen) gibt es kein Geld, und wenn man Glück hat, bekommt man Lärmschutzfenster (die man natürlich nicht öffnen sollte).  Ironischerweise „verkaufen“ die Politiker in Kärnten die S37 unter dem Motto „Anrainerschutz“, in meinen Augen ein Hohn.

Politiker verweisen oft auf die UVP, quasi ein Feigenblatt für ihr Tun. Ich habe mit Personen gesprochen, die bei einer UVP zugelassen wurden, und sie waren allesamt entsetzt, was das in der Regel für ein abgekartetes Spiel ist. Die „Gut“achter werden von der Asfinag bezahlt, man kennt sich, und man weiß, welches „Gut“achten erwartet wird. Und dieses Feigenblatt soll noch kleiner werden, die „UVP light“ soll zur reinen Formsache degradiert werden.

Abschließend noch ein Wort zum Kyoto-Protokoll: das Industrieland Deutschland und das Urlaubsland Schweiz sind Musterschüler und haben ihr Ziel schon vor Ablauf der Frist erreicht. Das Urlaubsland Österreich würde, sollte es Schulnoten dafür geben, ein „nicht genügend“ bekommen. Wir sind 30% vom Ziel entfernt, und wir bewegen uns vom Ziel weg. Für die Politiker, die dies zu verantworten haben, habe ich wenig Respekt. Für mich ist die Klimapolitik der Regierung völlig gescheitert. Nicht nur dass wir 10x so viele Diesel-Pkws haben wie die Schweiz, wir transportieren auch 5x so viele Güter über unsere Alpenstraßen wie die Schweiz. Bitte nicht vergessen: damit ausländische Lkws ein paar Minuten Fahrzeit sparen, investieren wir 1.2 Mrd. € und ziehen so viel Verkehr ins Land, dass wir von der EU mit Strafen in Milliardenhöhe bedacht werden. Bezahlen wir die mit der Maut?

S I C H E R H E I T

Ich lese immer wieder, wie die S37 in den Zeitungen von den Politikern als Sicherheitsausbau „verkauft“ wird. Das kann ich nicht nach vollziehen. Wenn man einen Blick auf die Zahlen der Statistik Austria wirft, dann zählt die B317 (aus der die S37 werden soll) zu den sichersten Straßen Österreichs. Die Asfinag hat eine unabhängige Firma beauftragt, und die ist zum selben Schluss gekommen. Man muss in aller Fairness auch die Unfallursachen berücksichtigen. Alkohol, zu hohe Geschwindigkeit und Unaufmerksamkeit werden auf einer Bundesstraße und einer Autobahn anzutreffen sein. Diese Probleme werden durch eine Autobahn nicht gelöst. Ich finde, dass das Argument der Sicherheit nur dazu missbraucht wird, um die unwissende Bevölkerung irre zu führen. Die meisten Unfälle passieren auf Schnellstraßen und Autobahnen.

Tote bei Straßenverkehrsunfällen 2007

K R I M I N A L I T Ä T

Einer jüngsten Studie zufolge werden 31% aller Einbrüche in Geschäfte und Firmen im Umkreis von 1.5 km von Autobahnen und Schnellstraßen begangen. Die „reisenden Kriminellen“ schätzen offenbar den Luxus, nach ihrer Tat sofort auf die Autobahn aufzufahren und dort in der Anonymität zu verschwinden. Kommt die Transitautobahn, werden auch unsere Geschäfte und Firmen verstärkt heimgesucht werden.
Firmen- und Geschäftseinbrüche

W I R T S C H A F T    U N D     V E R K E H R

Vor allem lokale Politiker argumentieren häufig mit den kommenden Segnungen für die Wirtschaft. Ich habe über viele Wochen das Internet durchforstet und bin auf keine einzige Studie gestoßen, bei der eine strukturell schwache Region von einer Autobahn profitiert hätte. Häufig wurde das Gegenteil gefunden: in strukturschwachen Regionen kommt es dadurch zu einem Kaufkraftabfluss und verstärkter Abwanderung. Zur Erläuterung habe ich die Zahlen der Volkszählung von ausgewählten Bezirken in der Steiermark gegenüber gestellt. Drei Bezirke (Leoben, Judenburg, Mürzzuschlag) sind mit Autobahnen gesegnet, Murau ist der einzige Bezirk ohne Autobahn. Und ausgerechnet dieser Bezirk hat die geringste Abwanderung. Für mich völlig unverständlich ist, dass lokale Politiker immer noch den vergleichsweise winzigen Bevölkerungsschwund auf das Fehlen einer Autobahn schieben – ohne einen Blick auf die anderen Bezirke zu werfen.
Bevölkerungsentwicklung obersteirischer Bezirke

In der Bevölkerung wird Panik erzeugt, dass heimische Betriebe abwandern, wenn sie nicht mit einer Autobahn verwöhnt werden. Jedes mal, wenn im Radio von einer Betriebsschließung oder Abwanderung berichtet wurde, habe ich auf der Landkarte nachgesehen: fast immer war dieser Betrieb in Autobahnnähe. Aktuelles jüngstes Beispiel: LEOBEN ! Da frage ich mich, ob es in Rumänien oder Bulgarien bessere und vor allem mehr Autobahnen als bei uns gibt? Oder sind es vielleicht doch die niedrigen Löhne anderswo? Vielleicht fragen Sie Herrn Androsch, aber der lernt ja gerade chinesisch, denke ich.

Meine Befürchtung ist, dass der Tourismus durch die S37 geschlachtet werden wird. Eine Transitautobahn bringt keine Gäste, sondern sie verjagt sie. Oder würden Sie, Herr Lercher in Vomp oder Zederhaus Urlaub machen wollen? In Zederhaus gab es vor dem Bau der Autobahn 130.000 Nächtigungen pro Jahr, heute sind es nur 20.000. Wir haben im Naturpark Grebenzen 150.000 Nächtigungen. Nach dem Bau der Autobahn werden es vielleicht 30.000 sein. Und das befürworten Sie!

Aber auch die Wirtschaft wird leiden. Für die Grenzwerte ist es nicht relevant, ob die Feinstaubbelastung durch Verkehr oder Industrie erzeugt wird. Sollte das Kontingent durch Verkehr weitgehend ausgeschöpft sein, dann können sich keine neuen Betriebe ansiedeln oder existierende Betriebe sich erweitern. Außer, man weicht die Gesetze so auf, wie es bei UVP light vorgesehen ist. Man opfert die Gesundheit der Anrainer dem Profit. Sie haben sicher gelesen, dass gemäß einer neuen Verordnung in einem Streifen von je 100m entlang der Autobahn keine neuen Betriebe angesiedelt werden dürfen. An eine Ausweitung auf je 300m ist gedacht. Wo bitte sollen sich dann in einem Tal Betriebe ansiedeln,….ich meine die Betriebe, die von der neuen Autobahn wie ein Magnet in den Bezirk Murau gezogen werden.

Die Logik des Ausbaus ist schwer nachzuvollziehen: einerseits wächst der heimische Fahrzeugbestand jährlich um 1% (dafür bräuchten wir keinen Ausbau), andererseits wächst vor allem der ausländische Lkw-Verkehr pro Jahr um 30%. Wir bauen also die feinsten Straßen für den Transit, während das regionale Straßennetz völlig desolat ist. Nur weil die Aufteilung zwischen Bundesmitteln und Landesmitteln nicht den aktuellen Bedürfnissen entspricht.

K O S T E N

Angesichts der prekären finanziellen Lage der Asfinag wird der Eindruck erweckt, als ob „eh schon alles wurscht ist“ und dass man am besten so wie bisher weiter wirtschaftet. In der Presse wurde berichtet, dass in wenigen Jahren der Schuldenstand der Asfinag bei 20 Mrd. € liegen wird. Allein die Zinsen dafür sind horrend. Die Asfinag wirtschaftet meiner Ansicht nach „blind“ und ohne unternehmerische Verantwortung. Ist ja ein Staatsbetrieb, wen wundert’s. Ein Grund dürfte darin liegen, dass es keine Kostenwahrheit im Verkehr gibt. Die Asfinag schwärmt von den künftigen Mauteinnahmen (sie baut ja nur bemautbare Straßen), aber die Kostendeckung beträgt beim Lkw-Verkehr nur 21%. Wenn ich als Unternehmer nur 21% meiner Kosten für ein Verkaufsprodukt erlöse, wäre ich sehr schnell bankrott. Für die Asfinag gilt dies offenbar nicht, denn sie wird ja mit Steuergeldern gefüttert.

Ich habe in den letzten Monaten die Veröffentlichungen der Asfinag (und ihre Pirouetten) studiert. Ich weiß sehr gut, wie man ein Projekt „gesund rechnet“. Die Asfinag benötigt natürlich mehr Verkehr, d.h. Mauteinnahmen. Den nimmt sie rechnerisch von anderen Transitstrecken (z.B. A2). Aber dieses Gesundrechnen hat Grenzen. Ab einem gewissen Umfang werden dann die Umweltbelastungen (Abgase, Feinstaub, Lärm) kritisch. Andererseits werden erwartete Verkehrsverlagerungen weg gelogen. Die S37 wird zur kürzesten Verbindung zwischen Linz und Klagenfurt. Tatsächlich aber bestreitet die Asfinag auf meine Anfrage, dass auch nur ein Lkw diese Variante wählen wird, sondern von Linz über Graz nach Klagenfurt fahren wird. So schwachsinnig wie diese Herren argumentieren, so schwachsinnig ist auch die Firma.

Wenn sich nach einer Veröffentlichung die Bevölkerung über den kommenden Transit entrüstet, dann wird dieser Transit in der nächsten Veröffentlichung einfach weg gelogen. Damit ist Ruhe. Für mich unverständlich ist die Tatsache, dass sich die Asfinag bei einem Projekt dieser Größenordnung „selbst prüft“. Darf ich Ihnen das Ergebnis verraten? Richtig, die Asfinag macht alles richtig, und so wie es geplant ist, ist es gut für alle. Wenn man in Gegenden nachfragt, die von der Asfinag „verwüstet“ worden sind, dann lernt man, dass viele Versprechungen seit Jahrzehnten (!) nicht eingehalten worden sind.

Der Normalverbraucher ist den Machenschaften der Asfinag mehr oder weniger hilflos ausgeliefert und so wird man auch behandelt. Lesen Sie bitte, wenn ein Profi den Asfinag-Leuten auf die Finger schaut, am Beispiel der „Rechtfertigung“, die S36 zu bauen. Bei der S37 wird das nicht anders sein.

LOKALE   POLITIK  UND   BÜRGERINITIATIVEN

Angesichts dieses Schlammmassels finde ich es hervorragend, dass spontan so viele Bürgerinitiativen gegründet worden sind. Mein Respekt für die vielen fleißigen Sammler von Unterschriften (es müssen viele Tausende sein). Und Hut ab vor den Gemeindepolitikern, die eingesehen haben, dass sie vor Jahren mit einer Resolution von der Asfinag gelinkt worden sind. Die Asfinag führt als eine Art Legitimation häufig an, dass ja der Wunsch einer Autobahn aus der Region kommt. Ich habe mir diese einstimmige Resolution besorgt und muss sagen, dass diese Resolution (lokale Umfahrungen werden benötigt!) fast nichts mit dem gemeinsam hat, was die Asfinag nun liefert. Von einer Transitautobahn war nie die Rede.

Nach meinem Wissen haben Politiker in 9 Gemeinden eingesehen, wie sie hinters Licht geführt worden sind. Es gibt, vor allem weil sich die Bevölkerung mit Unterschriften zu über 90% beteiligt hat, in diesen Gemeinden einstimmige Gemeinderatsbeschlüsse gegen die S37.

POLITISCHES     LEHRGELD

Bruno Kreisky
Bundeskanzler Bruno Kreisky zu Zwentendorf: „Das sind Methoden, die angewendet werden von terroristischen Gruppen, dem beuge ich mich nicht. Ich habe es nicht notwendig, mich von ein paar Lausbuben und Rotzmenschern so behandeln zu lassen“

Gustav Scherbaum
BM Gustav Scherbaum: er regierte mit absoluter Mehrheit. Als die Frage der Trassenführung der Pyhrnautobahn durch Graz virulent wurde, und eine Bürgerinitiative gegen die Zerschneidung von Eggenberg protestierte, übernahmen andere Parteien deren Standpunkt. Bei den Gemeinderatswahlen 1973 wurde er durch Alexander Götz abgelöst.

Es gibt aber auch positive Beispiele in der Gegenwart. Unsere deutschen Nachbarn werden von den gleichen Problemen gebeutelt wie wir, und wie bei uns auch, fallen den Bürgermeistern als erstes neue Autobahnen ein. Gott sei dank gibt es dort einen SPD (!) –Minister Sigmar Gabriel, der eindringlich vor einer neuen „Straßenbau-Orgie“ warnt und sich  gegen den massiven Neubau von Straßen deutlich wehrt. Diese Art von Politikern vermisse ich in Österreich. Vielleicht sind wir wirklich ein „bisserl hinten nach“.

Herr Lercher, wenn Sie bis jetzt beim Lesen dieses Briefes durchgehalten haben, gebe ich Ihnen ein Kompliment. Ich möchte den Brief mit einem Foto abschließen, das ich geschossen habe. Es zeigt den Furtnerteich im Naturpark Zirbitzkogel-Grebenzen.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Gerhard Sprintschnik

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