„Die UN-Dekade «Bildung für nachhaltige Entwicklung» möchte allen Menschen Bildungschancen eröffnen, die es ihnen ermöglichen, sich Wissen und Werte anzueignen sowie Verhaltensweisen und Lebensstile zu erlernen, die für eine lebenswerte Zukunft und eine positive Veränderung der Gesellschaft erforderlich sind.“
International Implementation Scheme for the UN-Decade of Education for Sustainable Development, UNESCO 2005, Seite 6

Die UN-Dekade steht unter dem Titel “Bildung für nachhaltige Entwicklung”. Nach wie vor liegt Österreich im internationalen Bildungs-Vergleich im letzten Drittel. Und den Titel der UN-Dekade in Verbindung zu bringen mit Umschulungskursen des Arbeitsmarktservices oder Kursen zur Erlangung „des europäischen Computerführerscheins“ verfehlt den Inhalt.

Was ist denn nun Bildung?
Zahlreiche Philosophen seit der Antike bis in die Gegenwart haben sich damit beschäftigt.
Für mich am nächsten kommen dem Begriff die großen Philosophen Wilhelm von Humboldt und Meister Eckhart mit ihren Gedanken und Ausführungen.
Nach Wilhelm von Humboldt ist Bildung „die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen“. Unter dem humboldtschen Bildungsideal versteht man die ganzheitliche Ausbildung der Künste in Verbindung mit der jeweiligen Studienfachrichtung.
Für den mittelalterlichen Theologen und Philosophen Meister Eckhart bedeutete Bildung das „Erlernen von Gelassenheit“ und wurde als „Gottessache“ angesehen, „damit der Mensch Gott ähnlich werde“.
„Die ganzheitliche Ausbildung“ und „damit der Mensch Gott ähnlich werde“ sind dabei die ausschlaggebenden Aussageelemente. Ein daher „ungebildeter Jurist“ kann kein guter Jurist sein, ein „ungebildeter Lehrer“ kein guter Lehrer, ein „ungebildeter Anlagenberater“ ebenso wenig ein guter Anlagenberater.
Und wenn Meister Eckhart als Ziel der Bildung – „damit der Mensch Gott ähnlich wird“ -  erkennt, so spielt er an auf die Eigenschaften Gottes, der nicht nur allmächtig und ewig, sondern vor allem auch allwissend ist.
Seit dem Entstehen von Staatswesen in der Antike bis hinauf in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts scheinen Staat und Kirche bemüht „dem Menschen“ Bildung im Sinne der großen Philosophen zu erschweren oder gar zu verwehren. Schon Babylon musste fallen, als dort die Menschen mit ihrem Turmbau „zu den Göttern“ strebten. Nur wer sich unwiderruflich in den Dienst von Staat und Kirche stellte, war und ist geduldet, ein Galileo Galilei hingegen, der die Welt und die Dinge darin ganzheitlich erfasst hatte, wurde verfolgt.

Was aber, was hat diese vorstehende Einleitung zu tun mit dem aktuellen Problemen? Ich sage, viel!
„Eigennutz“ heißt das Stichwort dazu! Eigennutz von Staat und Kirche, oder sagen wir es einfach: von Politikern, Managern und Profit-Organisationen, wie Kirchen. Aber lassen wir die Kirchen, für viele Menschen ein Ausweg aus „dem Leiden“, bleiben wir bei „den Anderen“!
Selbst einfach gebildete Menschen haben es längst gewusst oder zumindest geahnt. Selbst in Wirtshausgesprächen kam die Rede darauf, dass das mit dem Wirtschaftswachstum, was immer man darunter verstand, nicht auf Ewigkeit so gehen könne. Schon in den letzten zumindest 10 Jahren verbreitete sich Angst um Arbeitsplatz, um Altersversorgung und anderen, für den Einzelnen wirtschaftlich wesentlichen Themen. Und dennoch, ungebrochen haben Politiker, Manager, Banker und sonstige „Adelige“ die Zeichen nicht erkannt oder vielmehr nicht erkennen wollen. Zu groß war die Gier nach Macht und Geld. Rücksichtslos wurde gestohlen, betrogen, geraubt, mit falschen Gewichten und Maßen gehandelt, denken wir nur an die gefälschten Bilanzen von Aktiengesellschaften und Fonds, an die Machenschaften in einer Bank Austria, um nur einige Beispiele zu nennen. All das zu Lasten der Menschen, des „Volkes“. Nur ein „ungebildetes Volk“ – ist „ein gutes Volk“!

Wer redet heute schon gerne über seine Vermögensverluste durch bewusst hinauf gespielte Anlagenspekulationen, welche „unvorstellbare Erregung“ geht durch „das Volk“, wenn für einen wegen Fluchtgefahr inhaftierten Julius Meindl von einer Bank aus Lichtenstein 100 Millionen Euro als Kaution überwiesen werden, aus einem Land, das auf der schwarzen Liste für Steuerhinterziehungen und Geldwäsche steht, für einen Mann, der im Verdacht des Börsenbetruges steht, eine schier unvorstellbare Summe von einer Milliarde und 376 Millionen Schillinge! Und ich möchte nicht wissen, wie viele Politiker, Manager oder sonstige „Adelige“ derzeit bemüht sind, dem Manne in „seiner Not“ zu helfen. Ein „gebildetes Volk“ würde längst die Straße beherrschen! Ein „ungebildetes Volk“ schnürt „den Gürtel“ enger!
Das impliziert jedoch nicht „gebildete Politiker, Manager oder gebildete sonstige Adelige“. Weder kleine noch große Verbrecher gehören zu den Gebildeten. Bildung impliziert auch die Fähigkeit zu erkennen, dass Verbrechen im Regelfall entdeckt werden. Der Verbrecher glaubt mit innerer Überzeugung daran, er wäre so schlau, nicht entdeckt zu werden, was immer, rücksichtlich der Tatsachen, heißt, dass er maßlos dumm ist!

Politiker, die Rassenhetze und Ausländerdiskriminierung betreiben und ihren „Untertanen“ weismachen wollen, Schwarze und Ausländer seinen maßgeblich am Verlust der inländischen Arbeitsplätze schuld, sind dumm.

Banker, die einem Unternehmer die Konten sperren, sind dumm. Der Unternehmer ist möglicherweise dadurch gezwungen Konkurs anzumelden. Es gibt kein dümmeres Recht als das derzeitige Insolvenzrecht und in dieser Zeit kein dümmeres Verhalten, es ist mutwillige Zerstörung von wertvollen wirtschaftlichen Ressourcen.

Manager, die das Heil des von Ihnen geleiteten Unternehmens etwa in Automatisierungen der Arbeitsprozesse sehen, sind dumm. Noch dümmer sind sie, wenn sie die Produktion in Billigländer verlegen. Freilich, auch für die Herstellung von Automaten und für die erforderlichen Transporte ist die Arbeitskraft Mensch gefragt, insgesamt gesehen führen solche Maßnahmen allerdings zum Verlust von Arbeitsplätzen, zu erheblichen Einkommensverlusten, und wer wird das Produkt, die Erzeugnisse, dann kaufen (können)?

Politiker, und mit diesen meine ich auch die Funktionäre der Sozialpartnerschaft, die in einer solchen Zeit noch schnelle Autobahnen bauen wollen, sind dumm.

„Dumm“ heißt auch „ungebildet“!

„Bildung“ versteht sich als „ganzheitliches Denken“! „Ganzheitliches Denken“ heißt auch, Folgen von Handlungen, von Entscheidungen allgemein umzusetzen, sie anzupassen an Erfordernisse, Verhaltensweisen und Lebensstile, die für eine lebenswerte Zukunft und eine positive Veränderung der Gesellschaft erforderlich erscheinen (siehe oben UN-Dekade).

Längstens seit dem Regime eines Adolf Hitler wissen unsere heutigen Politiker in Europa, dass Straßenbau eine daniederliegende Wirtschaft beleben kann. Heute wissen einige dieser Politiker auch, dass Straßenbau eine äußerst brauchbare Einnahmequelle für die Beschaffung von Parteienmitteln sein kann, das war es auch schon im Dritten Reich. Aber lassen wir das.
Wenden wir uns vielmehr jenen Argumenten zu, die wir alle kennen: Straßen beleben die Wirtschaft, große Städte sind entstanden an wichtigen Handelsstrassen, an natürlichen Verkehrsknotenpunkten, an möglichen Flussübergängen, aber auch kleinere Orte an solchen wichtigen Strassen und in bestimmten Lagen haben davon profitiert.
Unbestreitbar ist was dran, an diesen Argumenten. Aber gilt das auch noch heute?
JA, aber nur mehr in den Ländern der Dritten Welt! Dort nämlich, wo Güter nicht schon mit modernen LKW`s und Ladegewichten von 40 oder gar mehr Tonnen über tausende Kilometer Entfernung in wenigen Stunden transportiert werden. Sohin dort, wo noch Esel- und Kamelkarawanen, oder in Europa ausrangierte, mit Holz aufgebaute LKW’s Wirtschaftgüter über hunderte Kilometer in mehreren Tagen, oft sogar Wochen über steinige Strassen oder nur Pisten befördern. So wie in der Antike im Vorderen Orient an der aus dem Fernen Osten kommenden Seidenstrasse oder der später von Südarabien zum Mittelmeer führenden Weihrauchstrasse entstehen mehr oder weniger (wirtschaftlich) blühende Orte, die Leute anziehen, die Arbeit im täglichen Kampf ums Überleben suchen.
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Versetzen wir uns zurück in die Zeit der blühenden Städte an der Seidenstrasse: keine modernen, schnell fahrenden Großraum-LKW’s, keine ausgebauten, asphaltieren Autobahnen, keine Sicherheitsorgane, keine hydraulische Hubstapler zum Be- und Entladen, keine Blechcontainer – vielmehr eine große Anzahl von Menschen als Fuhrleute, als Bewachung, als dienende Begleitung, Esel, Pferde und Kamele, unzählige Wagen mit Holzrädern,  ohne Klimaanlagen, Wind und Wetter nur mangelhaft geschützt ausgesetzt, unterwegs auf steinigen Pisten, ständig bedroht von umherziehenden räuberischen Nomaden, und – nicht tagelang, sondern oft monatelang unterwegs! Wen wundert so, dass an diesen Strassen die Wirtschaft erblühte. Mensch und Tier benötigen Nahrung, Wagen müssen repariert, Tiere gewechselt und beschlagen werden – Arbeit für Bauern, Wirte, Köche, Diener, Träger, Schmiede, Kamelhändler, Tischler, Bauherren und viele, viele mehr! Kranke versorgt der Bader, Medikamente verkauft der Apotheker, neue Transporttiere können gekauft werden. Arbeit musste auch damals bezahlt werden, es gab auch Geldwechsler, und mit dem Geld war es möglich, so wie heute, Waren zu kaufen, Herbergen zu bauen, ……. wieder neue Arbeit zu schaffen!
Als man den Seeweg nach Indien entdeckte, verlagerte sich dieses „internationale“ Transportgeschehen im Vorderen Orient von der Seidenstrasse weiter nach Süden zur Weihrauchstraße, und die Orte an der Seidenstraße verloren ihre Bedeutung und wurden teilweise aufgegeben.

Seidenstrasse und Weihrauchstrasse sind nur ein Beispiel aus der Antike bis hinein ins Mittelalter. Viele andere Beispiele könnten angeführt werden. Schauen wir ganz einfach nur nach Perchau. Reste eines mittelalterlichen Platzes zum Pferdewechseln sind heute noch erkennbar. Gleich drei alte Gasthöfe sind herübergekommen, Gasthöfe, die einst auf der Passhöhe die Fuhrleute, die Diener, und auch die Tiere in ihren Ställen versorgt haben, vier solcher Gasthöfe soll es gegeben haben, an einer, eigentlich an einer heute für uns völlig unbedeutend erscheinenden Stelle. Wie wir es heute noch sehen können, waren es keine kleinen Gasthöfe, auch keine „Hütten“, wie uns die erhaltene Bausubstanz erkennen lässt, und mit Sicherheit hat deren Bewirtschaftung eine stattliche Anzahl von Arbeitsplätzen geboten.
Wer von denen, die sich stark machen für eine hochmoderne Strasse hat in den letzten Jahren einmal in Perchau oder in Unzmarkt angehalten, um sein Auto reparieren zu lassen, um ein Essen einzunehmen? Freilich, es bestand wohl keine Notwendigkeit dazu, vielleicht auch keine adäquate Gelegenheit, kein Anlass. Schon gar keinen Anlass dafür wird es in Zukunft geben für all diejenigen, die in hochmodernen LKW’s in ein paar wenigen Stunden Güter von Wien nach Klagenfurt verführen werden, keine Werkstätte, keine Tankstelle, kein Gasthaus und auch sonst keinen Händler, Dienstleister oder sonst Wirtschaftstreibenden werden sie benötigen, auch diejenigen nicht, die so schnell wie möglich in ihren Urlaubsort an der Adria kommen wollen. Braucht aber keiner eine Werkstätte, eine Tankstelle, ein Gasthaus und auch sonst einen Händler, Dienstleister oder sonst Wirtschaftstreibenden, dann wird es auch keinen Arbeitsplatz mehr geben. Wenn nun aber alle in die Zentren strömen, um dort Arbeit im täglichen Kampf ums Überleben zu suchen, dann gibt es dort ein Überangebot an Arbeitskräften, und Überangebote drücken, wie auch die Politiker und Funktionäre der Sozialpartner wissen sollten, deren Preis. Politiker scheinen zu glauben, dass die Slums von Mexico-City, Bogota und sonst wo auf der Welt reine Erfindungen von revolutionären Filmemachern im Stile eines Michael Moore sind!
Zudem haben Politik und Wirtschaft bereits in den vergangenen Jahren zur Erreichung höchstmöglicher Konzerngewinne die Menschen dazu verleitet aus den ihnen zur Verfügung gestellten Arbeitseinkommen selbst für die Kosten zur Beschaffung der Wirtschaftsgüter aufzukommen. Was eventuell früher vor Ort gekauft werden konnte, vielleicht sogar noch zugestellt wurde, holen wir jetzt auf unsere Kosten von einem weit entfernten Großmarkt. 

Unbestreitbar ist das Argument, dass auch Straßenbau Arbeitsplätze schafft. Aber nur für die Zeit des Straßenbaus. Ist die Strasse fertig, ist das Problem nicht gelöst. Ein namhafter Sozialkritiker der Gegenwart hat erst vor Kurzem gesagt, dass in einer Gruppe von annähernd 20 arbeitslosen jungen Männern ein erhöhtes Maß an Aggression feststellbar sei, werde diese Aggression nicht gebremst, entstehe unter den jungen Männern auffallend hohe Bereitschaft zu Krieg. Sollte das nicht zu denken geben. War es nun der Straßenbau oder der Krieg, der im vorigen Jahrhundert hinaus aus der Krise führte?

Vor allem die Politiker haben somit wieder ihre Berufung verfehlt. Rund 60 Jahre nach dem Ende einer furchtbaren wirtschaftlichen und menschlichen Katastrophe, die vor etwa 100 Jahren ihren Anfang genommen hat, setzt man unbeirrt Maßnahmen, die klar einem notwendigen Wirtschaftswachstum als auch dem Gemeinwohl entgegenstehen. Die Geschichte gibt uns Aufschluss darüber, dass sich das schon mehrmals zuvor ereignet hat. Es hätte aber wenig Sinn, auf diese früheren Ereignisse erneut hinzuweisen, es sollte reichen, was in unserem kollektiven Gedächtnis noch, weil zeitlich nahe, vorhanden ist. 

Im Umfang dieses kollektiven Gedächtnisses müssen wir zu dem Schluss kommen, dass „unsere“ Politiker, Funktionäre, Banker, Manager und sonstige „Adelige“ ohne jeglichen Zweifel insgesamt verantwortlich sind für die derzeit heftig diskutierte Finanz- und Wirtschaftskrise, für die bestehende und wohl noch anwachsende Arbeitslosigkeit, insbesondere auch Jugendarbeitslosigkeit, durch unbewusstes, weil „ungebildet“, oder auch durch bewusstes, weil von Habsucht, Ausbeutung und Menschenverachtung geprägt, in jedem Fall schuldhaftes Handeln.

Nicht schuldig aber sind die, die von Ersteren bewusst „ungebildet gehalten“ die Zusammenhänge nicht verstehen.

Der an den Anfang meiner Ausführungen gestellte Titel der UN Dekade und dessen Erläuterung erscheint daher insofern mangelhaft, als nicht ausdrücklich und im Besonderen auf die Bildungsnotwendigkeit für Politik und Wirtschaft vorrangig hingewiesen wird – allerdings, im Jahr 2005 war ja alles noch anders!

Dr. Werner Kirchleitner, em. Rechtsanwalt, 8820 Neumarkt

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