Leserbriefe: „Wir atmen das – jeden Tag“

Sehr geehrte Damen und Herrn,

Im ORF-Beitrag „G’sund in Österreich“ am 30. März, haben Sie sich mit dem Thema Luftschadstoffe befasst und dabei ein paar Behauptungen aufstellt, die ich so leider nicht widerspruchslos teilen kann. Mein diesbezügliches Schlüsselerlebnis liegt schon nahezu 40 Jahre zurück, als mein kleiner Sohn im Schiurlaub/Zell am See eine schwere Atemwegserkrankung bekam. Der behandelnde Arzt hat damals entspannt gemeint, dass sei bei der verkehrsbedingten Umweltbelastung im Ort normal und kommt oft vor. Dabei dachte ich, die Bergluft wird dem Stadtkind gerade im Winter guttun. In den Folgejahren habe ich dann noch genauer festgestellt, was uns Industrie und Verkehr an Schadstoffen bis heute beschert und wenn jetzt Ihr Med-Influencer Hutter am lächerlichen Kerzenbeispiel meint, wir hätten es in der Hand, wenn wir nur zu Hause auf offenes Feuer verzichten und ausreichend lüften, dann frage ich mich, welche Interessen dieser Experte vertritt. Zumal er behauptet, dass die Möglichkeiten draußen zu kontrollieren, „gegen Null“ gehen. Damit wird wohl eher das öffentliche Luftgütemessprogramm gerechtfertigt, dass darauf aufbaut, was nicht da sein soll, messen wir nicht. Dass Ihre Moderatorin Reiler als Ärztin diese Industrie lastige Werbesendung auch noch kritiklos leitet, ist zumindest für einen öffentlichen Sender kein Ruhmesblatt.

Als medizinischer Laie würde ich empfehlen, „die bösen Partikel aus der Luft“ (Hutter) nicht nur mit einem Luftreiniger zu entfernen, sondern auch die 100 Meter hohen „Industriekerzen“ der Müllverbrennungsanlagen etc., auszublasen. Während die Kerze im Wohnzimmer vielleicht für ein paar romantische Abendstunden brennt, versorgt uns eine einzige „Industriekerze“ nämlich mit 240.000 Nm3/Std. Abgase inklusive Schwermetalle und das 24 Stunden täglich das ganze Jahr. Ich vermute, so viele Kerzen kann ich im ganzen Haus nicht aufstellen, um auf die Stunden-Leistung einer „Industriekerze“ zu kommen.

Ich betrachte es als „Körperverletzung“, ein Begriff, den die EU in ihrer RL über den strafrechtlichen Schutz der Umwelt aufgenommen hat, wenn die Gesundheit der Menschen und Tiere durch eine Industrie- und Verkehrspolitik aufs Spiel gesetzt wird, die Gefährdung zulässt, ignoriert und durch mangelhafte Kontrolle erst möglich macht. Unsere Gesundheitspolitik mag vielleicht der Meinung sein, der Wirtschaftsstandort rechtfertigt die Umweltbelastungen und sie sind deshalb „sozialadäquat“. Ich behaupte, „g’sund in Österreich“ macht diese Gesundheitspolitik alle, die an diesem System verdienen – die anderen liegen bereits – oder bald, mit Lungenkrebs oder Herzinfarkt am Friedhof. Die öffentliche Gesundheitspolitik in der Schweiz hat erkannt, dass allein auf das Konto der Zementindustrie 2000-3000 Tote/Jahr gehen und dem Steuerzahler 475 Mio. Franken/J. Gesundheitskosten bescheren. Das und die ganze Palette der Luftschadstoffe, die unsere Luft keineswegs „g’sund“ machen, wissen Ihre Experten natürlich besser als ich. Fragt sich nur, warum sie es nicht öffentlich thematisieren und ihre Expertise adressieren.

Mit freundlichen Grüßen,
Peter Baumgartner

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„Wir atmen das – jeden Tag“

Wir leben hier. Unsere Kinder wachsen hier auf. Und wir alle atmen dieselbe Luft.

Was in öffentlichen Diskussionen oft als abstraktes „Umweltproblem“ dargestellt wird, ist für uns tägliche Realität. Es geht nicht um ein paar Kerzen im Wohnzimmer oder darum, ob wir richtig lüften. Es geht um das, was draußen passiert – rund um die Uhr.

  • Wir leben im Einzugsgebiet einer Mitverbrennungszementanlage.
  • Eine Anlage, die jährlich rund 750.000 Tonnen Schadstoffe ausstößt – darunter NOx, NH3, SO2, Quecksilber, HCB, Dioxine und Schwermetalle.
  • Das sind keine theoretischen Werte. Das ist das, was wir einatmen.

Bereits im HCB-Untersuchungsausschuss 2015 wurde klar festgehalten:

„Das Zementwerk ist eine Sonderabfallbehandlungsanlage, in der auch Zement erzeugt wird.“

Dieser Satz sagt alles und trotzdem wird so getan, als wäre das Problem marginal oder kontrollierbar.

Wir fragen uns:

  • Warum wird die Verantwortung auf den Einzelnen abgeschoben, während industrielle Emissionen als gegeben hingenommen werden (müssen)?
  • Warum sprechen Experten über Kerzen, aber nicht über Schornsteine?
  • Warum wird unsere Gesundheit gegen wirtschaftliche Interessen aufgerechnet?

Wir erleben, dass Belastungen verharmlost, Risiken relativiert und Kontrollen durch die Behörden als ausreichend dargestellt werden – obwohl viele von uns längst spüren, dass etwas nicht stimmt.

Es geht hier nicht um Ideologie. Es geht um unsere Gesundheit.

Die Luft, die wir atmen, betrifft uns alle.

Für eine gute und vor allem bessere Zukunft 😊

mit freundlichen Grüßen
Initiative Zukunft Görtschitztal

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